Vor mehr als 15 Jahren bin ich noch sehr aktiv Turniere geritten. Ich war sehr erfolgreich. Das war damals noch mit meinem Isländer. Ich war mit ihm immer platziert und so unglaublich ehrgeizig. Dieses Turnierpferd hat mir allerdings das erste Mal in meinem Leben das Fürchten beim Reiten gelehrt. Mein Leistur begann zu dieser Zeit unkontrolliert durchzugehen. Damals hatte ich noch nicht das Wissen von heute. Ich war Mitte 20, immer platziert und dachte „Ich kann es.“ Dann kam dieses Pferd, der diese Durchgeh-Attacken hatte. Heute weiß ich, dass er vor meinem furchtbaren Ehrgeiz und vor meiner komprimierenden Reitweise davonlief. Ich begann umzudenken. Eine Freundin hatte begonnen sich mit dem klassischen Reiten zu befassen. Ich ritt eines ihrer Pferde und dachte „Das möchte ich auch.“. Ihre Pferde waren so fein an den Hilfen. Man hatte nichts auf der Hand und Schulter sowie Hinterhand ihres Pferdes ließen sich mühelos verschieben. Ich hörte das erste Mal von Bent Branderup. Besuchte als Zuschauer eines seiner Seminare und ich war begeistert von der Harmonie, mit der dort geritten wurde. Mein theoretischer Background wurde immens erweitert. Besonders prägte sich mir zu dieser Zeit der Satz ein „Was Du an Gewicht auf der Hand hast, das arbeitet die Hinterhand nicht.“ Ich machte mich auf den Weg, das klassische Reiten zu lernen. Einige Jahre ritt ich bei einer Schülerin von Bent Branderup. Meine Isi-Stute Stjarna hatte ich damals ganz neu. Sie war fast 6 und sehr schlecht geritten. Sie ritt ich mit Kappzaum, um ihr wieder Vertrauen zu Reiterhand zu geben.

Diese Phase meines Umdenkens in der Reiterei ging einher mit einem radikalen Schwung in Richtung extremer Harmoniefokussierung. Aus der Hardcore „Ich reite mit viel Druck“-Turnierreiterin wurde „Rosa-Wattebausch-Ich-mache-gar-nichts-mehr-auf dem Pferd“. Ausbinder fand ich verurteilungswürdig. Sperrhalfter waren in meinen Augen schädlich für das Pferd und Sperrriemen braucht man schon mal gar nicht, denn die schnüren IMMER den Pferden die Atmung ab. Ich meinte damals ich weiß alles besser und die Anderen belächelte ich. Mein Reiten war untertourig und sehr vorsichtig. Wahrscheinlich ist es normal, dass das Pendel, nach dem es in eine Richtung ausgeschlagen hat, in die andere Richtung genauso stark ausschlägt. Irgendwann pendelt es sich dann in der Regel allerdings in einer gesunden Mitte ein. So passierte das auch in den Jahren mit meinem Reiten.

In der Anfangsphase ritt ich komplett ohne Sperrhalfter. Später fand ich ein englisches Reithalfter akzeptabel. Allen Kunden demontierte ich allerdings konsequent und über Jahre den Pullerriemen. Das hannoversche Reithalfter verurteilte ich konsequent. Auch hier lernte ich mit der Zeit, dass die Welt nicht schwarz und weiß ist. Ich hörte von einer Studie, dass das Sperrhalfter einen Teil der Einwirkung des Gebisses auf die Nase umgelenkt und damit für das Pferd das Gebiss angenehmer macht. „Ja,“ dachte ich, „kein Wunder bei den groben Händen mancher Reiter. Wenn man eine feine Hand hat, benötigt man soetwas nicht.“. Dann lernte ich, dass in der Spanischen Hofreitschule in Wien die Pferde grundsätzlich mit hannoverschem Sperrhalfter geritten werden, wenn sie auf Trense gezäumt sind. Die hannoversche Zäumung legt das Gebiss ruhiger in das Maul und dies ist vielen Pferden einfach angenehm. Ein weiterer Punkt, zu dem ich begann nachzudenken. Als nächstes kam eine Kundin von mir vor einigen Jahren mit einem Micklem in die Bahn. Mein erster Ausruf war: „Eva, was hast Du der Drine denn da für eine Zäumung gekauft!“. Jeder, der das Micklem schon einmal gesehen hat, kann bestätigen, dass es im ersten Moment aussieht wie ein Maulkorb. Es handelt sich um eine Zäumung, die anatomisch so geformt ist, dass sie konsequent die Nervenbahnen im Gesicht des Pferdes ausspart. Wohlbemerkt hat diese Zäumung auch wiederum ein Sperrhalfter und der Sperrriemen ist wiederum an das hannoversche Sperrhalfter angelehnt. Hochskeptisch beobachtete ich damals, wie die Stute meiner Kundin mit dieser komischen Zäumung läuft. Bei Drine handelte es sich um eine extrem empfindliche Knabstrupper-Dame. Meine Schülerin Eva, die mit sehr feiner Hand reitet, hätte nach meiner damaligen Sicht eine solche Zäumung nicht auswählen müssen. Und was geschah? Das Pferd lief wundervoll mit dem Micklem! Ganz offensichtlich empfand Drine es als angenehm, dass das Gebiss durch das Sperrhalfter noch ruhiger positioniert wurde. Und nein, ich glaube nicht, dass dieser Effekt durch die Aussparung der Nervenbahnen kommt. Diesen Effekt beobachtete ich später auch bei Zäumungen mit einem normalen hannoverschen Sperrhalfter.

Genauso musste ich bei dem Thema Ausbinder umlernen. Ich verurteile Ausbinder noch immer, wenn sie verwendet werden, um das Pferd in eine Silhouette zu pressen, die es kräftemäßig nicht halten kann. Die Anwendung von Schlaufzügeln ist für mich noch immer tierschutzrelevant. Die Verwendung von einfachen Ausbindern bei der Arbeit an der Hand zur Entwicklung der Piaffe ist aber absolut sinnvoll, um das Pferd gerade zu halten und eine sanfte Anlehnung zu bieten. Niemand verschnürt hier das Pferd, das Pferd lernt nur durch dieses Hilfsmittel einfacher. Und glauben Sie mir, ich habe die Arbeit an der Hand mit meinem Pardo zu Beginn konsequent OHNE Ausbinder  gemacht. Er hat auch diagonale Tritte gelernt, aber schön und gerade wurde die Piaffe dann erst durch dieses Hilfsmittel. Bei der Entwicklung der Levade musste ich erkennen, dass es ohne Ausbinder dann mal gar nicht mehr geht, weil die Anlehnung an den Hilfszügel elementar ist.

Besonders den Kopf schütteln musste ich vor kurzem, als ich auf Facebook einen Kommentar zu Ingrid Klimke las. Für mich ist Ingrid Klimke ein leuchtendes Positivbeispiel für pferdegerechtes und klassisches Reiten. Ihr wurde in besagtem Kommentar die Pro-Pferd-Orientierung abgesprochen, weil Sie mit Sperrriemen reitet!

Schauen Sie sich einfach die Pferde an, ob sie schwingen und fröhlich aussehen. Solche Bilder gibt es in allen Reitweisen. Und die Welt ist niemals Schwarz oder Weiß. Es gibt so viele Schattierungen. Und wissen Sie, was mein junger Lipizzaner Pluto Troja für eine Zäumung trägt? Es ist eine Schenkeltrense mit hannoverschem Reithalfter und er liebt es. 🙂

 

Andrea Lipp, Juli 2017

 

 

Foto: www.studiolamagica.de